CIVIS mit Son­de hat in den ver­gan­ge­nen Wochen an die­ser Stel­le Impul­se zur künf­ti­gen Aus­rich­tung christ­de­mo­kra­ti­scher Poli­tik ver­öf­fent­licht. Dazu gehört auch, eine kla­re Gren­ze gegen­über Allem rechts der Uni­on zu zie­hen und rech­tem, rechts­ex­tre­men Gedan­ken­gut, Hetz­re­den und demo­kra­tie­feind­li­chen Ideen mit aller Ent­schie­den­heit ent­ge­gen­zu­tre­ten. Der Par­la­men­ta­ri­sche Staats­se­kre­tär und ehe­ma­li­ge Gene­ral­se­kre­tär der CDU, Dr. Peter Tau­ber MdB, hat dies im fol­gen­den Arti­kel getan.

Man hat­te es fast schon ver­drängt, aber nach der Ermor­dung des CDU-Poli­ti­kers Wal­ter Lüb­cke wird einem schlag­ar­tig bewusst, dass Rechts­ex­tre­me längst nicht mehr nur in sozia­len Netz­wer­ken wüten. Nach der Mord­se­rie des so genann­ten NSU ste­hen spä­tes­tens seit der Mes­ser­at­ta­cke auf die Köl­ner Ober­bür­ger­meis­te­rin Hen­ri­et­te Reker Reprä­sen­tan­ten des deut­schen Staa­tes auf der Lis­te der neu­en Nazis. Wann wachen Gesell­schaft, Poli­tik und Jus­tiz auf?

Die Zah­len sind längst bekannt. Der Ver­fas­sungs­schutz kennt über 24.000 Rechts­ex­tre­mis­ten, von denen er die Hälf­te als gewalt­be­reit ein­stuft. Sie sind längst nicht mehr nur bereit, sie schrei­ten zur Tat. Wal­ter Lüb­ckes Ermor­dung gehen zahl­rei­che Angrif­fe auf Men­schen, die sich für die­se Repu­blik und ihre Wer­te ein­set­zen, vor­aus. Einer die­ser Angrif­fe galt 2017 Andre­as Hol­lstein, CDU-Bür­ger­meis­ter von Alte­na. Dank des beherz­ten Ein­grei­fens zwei­er Mit­bür­ger über­leb­te er einen fei­gen Mord­ver­such. Dass der Atten­tä­ter mit einer zwei­jäh­ri­gen Haft­stra­fe davon­kam, die noch zur Bewäh­rung aus­ge­setzt wur­de, ist bis heu­te ein schlech­ter Witz.

Nicht nur die poli­ti­sche Gewalt und Gewalt­be­reit­schaft von rechts nimmt zu. Auch das poli­ti­sche Kli­ma die­ser Repu­blik hat sich ver­än­dert. Die AfD im Deut­schen Bun­des­tag und in den Län­der­par­la­men­ten leis­tet dazu einen Bei­trag. Sie hat mit der Ent­gren­zung der Spra­che den Weg berei­tet für die Ent­gren­zung der Gewalt. Eri­ka Stein­bach, einst eine Dame mit Bil­dung und Stil, demons­triert die­se Selbstra­di­ka­li­sie­rung jeden Tag auf Twit­ter. Sie ist eben­so wie die Höckes, Ottes und Wei­dels durch eine Spra­che, die ent­hemmt und zur Gewalt führt, mit­schul­dig am Tod Wal­ter Lüb­ckes.

Den­noch ist Panik­ma­che fehl am Platz. Ich hal­te nichts von den Ver­glei­chen, die nun mit der Wei­ma­rer Repu­blik gezo­gen wer­den. Die Geschich­te der ers­ten deut­schen Repu­blik ver­zeich­net über 500 poli­tisch moti­vier­te Mord­ta­ten, die meis­ten von rechts. Mit Erz­ber­ger, Schei­de­mann und Rathen­au gehö­ren drei bür­ger­li­che Poli­ti­ker zu den bekann­tes­ten Opfern. Und doch ist Ber­lin nicht Wei­mar. Heu­te muss viel­mehr gel­ten: Weh­ret den Anfän­gen! Dazu gehört, dass man offen über die Feh­ler und die fal­sche Nach­läs­sig­keit im Umgang mit denen spricht, deren Ziel es ist, die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung zu besei­ti­gen und die­se Repu­blik zu zer­stö­ren.

Und Feh­ler sind genug gemacht wor­den: Die Auf­klä­rung und der Umgang mit dem NSU, das Hin und Her in der Fra­ge eines Ver­bots der NPD sind nur zwei prä­gnan­te Bei­spie­le.

Wel­che Kon­se­quen­zen sind zu zie­hen? Nicht nur das bestehen­de Straf­recht muss ange­wen­det wer­den. Die Müt­ter und Väter des Grund­ge­set­zes haben uns ein schar­fes Schwert zum Schutz der Ver­fas­sung in die Hand gege­ben. Es ist Zeit, von ihm Gebrauch zu machen. Im Arti­kel 18 unse­rer Ver­fas­sung ist fest­ge­schrie­ben, dass der­je­ni­ge ent­schei­den­de Grund­rech­te wie das Recht auf Frei­heit der Mei­nungs­äu­ße­rung, die Pres­se­frei­heit, die Lehr­frei­heit, die Ver­samm­lungs­frei­heit, das Recht auf Eigen­tum oder auch das Brief‑, Post- und Fern­mel­de­ge­heim­nis ver­wirkt, der die­se Grund­rech­te „zum Kamp­fe gegen die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung miss­braucht“. Ange­wen­det wur­de die Ver­wir­kungs­vor­schrift noch nie. War­um eigent­lich nicht? Haben doch die Väter und Müt­ter des Grund­ge­set­zes mit Arti­kel 18 dem Wil­len zur Selbst­ver­tei­di­gung der frei­heit­li­chen Demo­kra­tie gegen­über ihren Geg­nern Aus­druck ver­lie­hen. Arti­kel 18 ver­kör­pert inso­fern neben dem Par­tei- und Ver­eins­ver­bot gera­de­zu ide­al­ty­pisch unse­re wehr­haf­te Demo­kra­tie und gehört zu den tra­gen­den Pfei­lern unse­res Grund­ge­set­zes. Mag das Grund­ge­setz auch in ers­ter Linie gegen jene ertüch­tigt wor­den sein, wel­che die NS-Dik­ta­tur wie­der­errich­ten woll­ten, ist Arti­kel 18 heu­te ein Instru­ment nicht nur gegen Rechts­ex­tre­me, son­dern auch gegen alle ande­ren, die sich eben­falls dem Kampf gegen unse­re Frei­heit ver­schrie­ben haben. Um es kurz zu sagen, es geht mir nicht um eine „Ent­bür­ger­li­chung“, son­dern um eine „Ent­po­li­ti­sie­rung“ der Fein­de unse­rer Ver­fas­sung.

Der Staat muss zudem sich selbst und sei­ne Orga­ne schüt­zen und frei von Ver­fas­sungs­fein­den hal­ten. Horst See­hofer hat­te vor kur­zem laut dar­über nach­ge­dacht, Ange­stell­te und Beam­te aus dem Öffent­li­chen Dienst zu ent­fer­nen, wenn es Zwei­fel an ihrer Ver­fas­sungs­treue gibt. So soll zum Bei­spiel das Sol­da­ten­ge­setz geän­dert wer­den, um Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten nicht nur inner­halb der ers­ten vier, son­dern in den ers­ten acht Dienst­jah­ren ent­las­sen zu kön­nen, wenn sie durch ver­fas­sungs­feind­li­ches, ja meist rechts­ex­tre­mes Reden und Han­deln auf­fal­len. Aber reicht das? Der besag­te Fran­co A. darf zwar kei­ne Uni­form tra­gen und bekommt nicht den vol­len Sold, trotz­dem ist er nicht ent­las­sen wor­den. Als Berufs­sol­dat schützt ihn ein umfang­rei­ches öffent­li­ches Dienst­recht. Es ist offen­kun­dig gar nicht so leicht, jeman­den, dem es offen­sicht­lich an Loya­li­tät gegen­über dem Dienst­herrn man­gelt, aus dem Dienst­ver­hält­nis zu ent­fer­nen. Das muss geän­dert wer­den.

Neben dem Recht braucht es poli­ti­sche Klar­heit:

Es ist gut, wenn Köp­fe der CDU wie Armin Laschet, Vol­ker Bouf­fier und unse­re Par­tei­vor­sit­zen­de Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er eine kla­re Gren­ze nach rechts zie­hen. Sie haben dabei ein his­to­ri­sches Vor­bild, auf das sich bür­ger­li­che Poli­tik beru­fen soll­te: Joseph Wirth, Zen­trums­po­li­ti­ker und Reichs­kanz­ler der Wei­ma­rer Repu­blik. Nach der Ermor­dung des deut­schen Außen­mi­nis­ters Walt­her von Rathen­au durch Rechts­ex­tre­me erkann­ten er und ande­re, was lei­der auch heu­te Men­schen wie der ehe­ma­li­ge Prä­si­dent des Bun­des­ver­fas­sungs­schut­zes Hans-Georg Maaßen oder die namen­lo­sen Wich­tig­tu­er von der Wer­te­Uni­on nicht ein­se­hen wol­len: Die poli­ti­sche Rech­te kann man nicht inte­grie­ren oder ein­bin­den.

Kurz vor dem Mord an Rathen­au hat­te ein Abge­ord­ne­ter der Rech­ten in einer Reichs­tags­de­bat­te den Außen­mi­nis­ter direkt ange­grif­fen und sei­ne „Poli­tik der Erfül­lung“ gegei­ßelt. Ihr müs­se man mit allen Mit­teln (!) ent­ge­gen­tre­ten. Eines die­ser Mit­tel war für jun­ge Rechts­ra­di­ka­le der poli­ti­sche Mord. Sie schrit­ten zur Tat. Nach dem Bekannt­wer­den des Mor­des wur­de der besag­te Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­te von Kol­le­gen sodann auch im Ple­num als Mör­der titu­liert. In sei­ner Hal­tung gegen­über der poli­ti­schen Rech­ten blieb Joseph Wirth glas­klar.

Wir brau­chen wie­der die Klar­heit eines Joseph Wirth. Die CDU als bür­ger­li­che Kraft darf nicht wan­ken. Ich wün­sche mir, dass die Par­tei sich an Wirth erin­nert und klar mit den Wor­ten Wirths sagt: „Da steht der Feind, der sein Gift in die Wun­den eines Vol­kes träu­felt. – Da steht der Feind – und dar­über ist kein Zwei­fel: die­ser Feind steht rechts!“

 

Der Arti­kel erschien erst­mals am 19. Juni 2019 als Gast­bei­trag in der WELT. 

 

Dr. Peter Tau­ber MdB

ist Par­la­men­ta­ri­scher Staats­se­kre­tär bei der Bun­des­mi­nis­te­rin der Ver­tei­di­gung. Er gehört seit 2009 dem Deut­schen Bun­des­tag an. Von 2013 bis 2018 amtier­te er als Gene­ral­se­kre­tär der CDU Deutsch­lands.

 

Foto: Tobi­as Koch