“Quo vadis, CDU?” – Impuls 17: Hen­ri­que Lai­ten­ber­ger benennt den Kon­troll­ver­lust der Poli­tik als das Grund­mus­ter aktu­el­ler Kri­sen und iden­ti­fi­ziert vier poli­ti­sche Prio­ri­tä­ten. In die­sen Berei­chen müs­se die Uni­on im Ein­klang mit dem christ­de­mo­kra­ti­schen Ethos Kom­pro­mis­se suchen, die allen Men­schen im Land die­nen.

Häu­fig wird die Welt die­ser Tage in Schlag­wör­tern gedacht: Kli­ma­kri­se, Flücht­lings­kri­se, Bre­x­it, Euro­kri­se, Popu­lis­mus, Pola­ri­sie­rung, Kri­se der Rechts­staat­lich­keit. Man scheint über­for­dert ange­sichts der Schwem­me an „Kri­sen“ und dra­ma­ti­schen Ent­wick­lun­gen. Dabei las­sen sich all die­se auf einen gemein­sa­men Nen­ner zurück­füh­ren.

„Take Back Con­trol” – so lau­te­te der Leit­spruch der pro-Bre­x­it Kam­pa­gne 2016. Wahr­schein­lich, ohne es wirk­lich zu ahnen, hat­te die Mann­schaft um Boris John­son den Zeit­geist am bes­ten getrof­fen. Denn bei Lich­te betrach­tet lässt sich die Iden­ti­täts­kri­se der west­li­chen Welt hier­mit zusam­men­fas­sen: Vie­le Bür­ger haben den Glau­ben in die Kon­troll­fä­hig­keit der Demo­kra­tie ver­lo­ren.

Ver­lust der Kon­troll­fä­hig­keit

Trotz eines fast zwan­zig­jäh­ri­gen „War on Ter­ror“ ist es immer noch nicht gelun­gen, die­ser Bedro­hung Herr zu wer­den. Trotz enor­mer Reform- und Ret­tungs­pa­ke­te sowie erneu­tem Wachs­tum ist der Auf­schwung bei vie­len Euro­pä­ern zehn Jah­re nach der Finanz­kri­se nicht ange­kom­men. Trotz einer immer lau­ter ticken­den Uhr wer­den welt­weit wei­ter­hin drin­gend not­wen­di­ge Maß­nah­men zur Erhal­tung einer Welt, in der auch unse­re Kin­der und Enkel „gut und ger­ne leben kön­nen“, ver­schleppt.

Die Lis­te könn­te naht­los wei­ter­ge­führt wer­den: Daten­si­cher­heit, Migra­ti­on, mili­tä­ri­scher Revan­chis­mus Russ­lands und Chi­nas, rasan­te Glo­ba­li­sie­rung – nahe­zu alle poli­ti­schen Fra­gen der heu­ti­gen Zeit rufen bei vie­len Bür­gern Angst vor dem Kon­troll­ver­lust des Staa­tes her­vor. Es ist die­se Angst, die den Popu­lis­ten, wel­che die Furcht auch noch wei­ter schü­ren, Auf­wind ver­schafft.

Durch­set­zungs­fä­hi­ge Poli­tik im Ein­klang mit der frei­heit­li­chen Grund­ord­nung

Unse­re Auf­ga­be als Christ­de­mo­kra­ten muss sein, die­se Furcht durch Hoff­nung zu erset­zen. Das heißt, zu zei­gen, dass die Demo­kra­tie die Men­schen schüt­zen kann. Dass die Demo­kra­tie die Kräf­te, die die Welt bewe­gen, unter Kon­trol­le brin­gen kann – und vor allem, dass es dies über den Weg des Plu­ra­lis­mus, des Rechts­staats und der Markt­wirt­schaft kann. Wer glaubt, die Sor­gen der Men­schen über das dra­ko­ni­sche Regi­ment der Popu­lis­ten ret­ten zu kön­nen, der erreicht genau das Gegen­teil sei­nes Ziels: Hier­durch wird ledig­lich der Glau­be gestärkt, dass es eines Staa­tes bedarf, der ohne fal­sche Zim­per­lich­keit „durch­greift“. Das hilft der Demo­kra­tie nicht, son­dern gefähr­det sie umso mehr. Es gilt viel­mehr den ver­meint­li­chen Gegen­satz zwi­schen durch­set­zungs­fä­hi­ger Poli­tik und frei­heit­li­cher Grund­ord­nung als falsch zu ent­lar­ven.

Was heißt das kon­kret? Die kri­ti­schen Fra­gen der Zeit las­sen sich auf vie­rer­lei Art zusam­men­fas­sen: Kli­ma, Sicher­heit, Lebens­stan­dards, gesell­schaft­li­cher Zusam­men­halt. In allen Punk­ten muss die Uni­on in der Lage sein, ambi­tio­nier­te, lang­fris­tig ori­en­tier­te Refor­men umzu­set­zen. Denn Ver­trau­en in den Staat lässt sich nur wie­der­her­stel­len, wenn er hand­lungs­fä­hig ist und genü­gend Res­sour­cen zu sei­ner Ver­fü­gung hat. Struk­tur­re­for­men und höhe­re Inves­ti­tio­nen in Gesund­heit, Poli­zei, Bun­des­wehr, Infra­struk­tur und Bil­dung sind unab­ding­bar, wenn die Bun­des­re­pu­blik wei­ter inter­na­tio­nal mit­hal­ten will. In eini­gen Punk­ten wird die Uni­on auch über ihren Schat­ten sprin­gen müs­sen: Vie­le der nöti­gen Refor­men sind nicht ohne höhe­re Steu­er­ein­nah­men und Staats­aus­ga­ben finan­zier­bar. Eine durch­set­zungs­star­ke Kli­ma­po­li­tik wird von Wirt­schaft und Bür­gern Anpas­sun­gen ver­lan­gen. Aber auch in Wer­te­fra­gen wird die Uni­on ein­deu­tig Far­be beken­nen müs­sen: Inte­gra­ti­on kann nicht durch eine „kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on“ gelin­gen, in deren Gesell­schafts­bild sich die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung – gleich ob christ­lich, jüdisch, mus­li­misch, athe­is­tisch – nicht wie­der­fin­den kann. Abschie­bun­gen abge­lehn­ter Asyl­be­wer­ber müs­sen mit Recht und Gesetz ver­ein­bar sein. Der Islam gehört zu Deutsch­land.

Refor­men getra­gen vom christ­de­mo­kra­ti­schen Ethos

Zugleich bedeu­tet dies jedoch nicht, dass die Uni­on ihre grund­le­gen­den Wer­te auf­ge­ben müss­te. Im Gegen­teil, die oben­ge­nann­ten Zie­le ent­sprin­gen ihrem Ethos sogar. Denn die Christ­de­mo­kra­tie, der der Glau­be an die Frei­heit und Wür­de des Indi­vi­du­ums mit­samt sei­ner Ver­ant­wor­tung gegen­über der Soli­dar­ge­mein­schaft zugrun­de liegt, ver­kör­pert den prag­ma­ti­schen Geist der für den Erfolg sol­cher Refor­men unab­ding­bar ist: Kli­ma­schutz und die Reform des öffent­li­chen Diensts las­sen sich nur mit, nicht gegen die Wirt­schaft ver­wirk­li­chen. Gera­de die Über­zeu­gung der Uni­on in die Frei­heit des Ein­zel­nen soll­te Skep­sis gegen­über der Erhe­bung einer kon­ser­va­ti­ven „Leit­kul­tur“ als Gesell­schafts­ide­al im 21. Jahr­hun­dert bedin­gen. Ande­rer­seits soll­te man auch unmiss­ver­ständ­lich ver­deut­li­chen, dass ins­be­son­de­re Fra­gen der Sicher­heit und des wirt­schaft­li­chen Wachs­tums nur durch inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit in einem ver­ein­ten und hand­lungs­fä­hi­gen Euro­pa mög­lich sind. Die Lösung unse­rer Pro­ble­me – nach innen wie außen – ist nur in der Gemein­schaft mög­lich. In die­sem Sin­ne soll­te die Uni­on auch ihr Selbst­ver­ständ­nis als Volks­par­tei erneu­ern, indem sie die urde­mo­kra­ti­sche Idee des Kom­pro­mis­ses an die Spit­ze stellt: Am Ende einer jeden Initia­ti­ve von­sei­ten der Uni­on müs­sen alle Bür­ger des Lan­des ste­hen und nicht nur eine Stamm­kli­en­tel.

Kurz­um, um den Men­schen ein neu­es Gefühl der Kon­trol­le zu ver­mit­teln sind drei Din­ge von­nö­ten: Ehr­lich­keit, Zuver­sicht und Kom­pro­miss. Man muss den Ernst der Lage aner­ken­nen, aber Hoff­nung bie­ten und so vie­le Men­schen wie mög­lich mit­neh­men. Die Uni­on darf sich nicht in die Kom­fort­zo­ne ihrer (zwei­fel­los gro­ßen) ver­gan­ge­nen Errun­gen­schaf­ten zurück­zie­hen, sie darf nicht die Uhr zurück­dre­hen wol­len. Statt­des­sen muss sie die Lebens­wirk­lich­kei­ten der Gegen­wart akzep­tie­ren und ihre ange­stamm­ten Patent­re­zep­te hin­ter­fra­gen – getreu des Leit­bilds Ade­nau­ers: „Neh­men Sie die Men­schen, wie sie sind, ande­re gibt’s nicht“.

 

Hen­ri­que Lai­ten­ber­ger

pro­mo­viert in Geschich­te an der Uni­ver­si­tät Oxford. Er ist stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der Nor­dic Con­ser­va­ti­ve Stu­dent Uni­on und der bri­ti­schen Young Con­ser­va­ti­ve Group for Euro­pe. Zuvor war er Chef­re­dak­teur des Debat­ten­ma­ga­zins der European Demo­crat Stu­dents, der offi­zi­el­len Stu­die­ren­den­or­ga­ni­sa­ti­on der Euro­päi­schen Volks­par­tei.